Die „Krise“ beginnt

Am Mittwoch versammelten sich rund 200 Beschäftige der Kölner Zeitungsgruppe vor dem Unternehmen in der Amsterdamer Straße. Sie fanden sich unter dem Transparent „Wir lassen uns nicht über Bord werfen!“ zusammen. Vor kurzem gab es eine ähnliche Aktion in Berlin und anderswo ist Bewegung unter den Arbeitnehmern.

Die Tage, wo über das Ergebnis des Verkaufsprozess der DuMont Mediengruppe informiert wird, dürften vor der Tür stehen. Die bisherige Führung hat in diesem Prozess mehr und mehr an Glaubwürdigkeit verloren. Als erstes vom Glaubwürdigkeitsverlust betroffen waren „die da ganz oben“. Dies reflektiert nicht nur das „Fußvolk“, auch in der Führungsebene selber kommen Zweifel auf. Langsam nehmen auch sie Abschied vom „durchziehen und gehorchen“. Auch sie denken an ihre Zukunft, die nicht mehr in den verlässlichen Bahnen wie bisher verlaufen wird. Ändert sich der Arbeitgeber, entstehen immer Risiken, gerade in den verantwortlichen Stellen.

Die Führungsstäbe sind aus Erwerbersicht eine zentrale Frage. Sie müssen mit „ihren“ Leuten besetzt sein. Hier geht es um Loyalität, das Wissen um die Unternehmensorganisation und die klare Kommunikation untereinander. Die Dinge können und müssen offen besprochen werden, Unbekannte können da „gefährlich“ werden. Es gibt Monate des Übergangs im Nachdenken über die Frage, wie geht es weiter in der Besetzung der Stäbe. Bei den „ausführenden“ Tätigkeiten ist es leichter, sie funktionieren auf Grund der Prozesse. Entweder ändert man diese durch Synergien oder man modifiziert sie.

In gewerkschaftlichen Kreisen wird bei Übernahmen gerne der Stammtisch bedient und nicht selten davon gesprochen, dass die Erwerber keinen Plan hätten. Es wird dem „üblichen“ Rechnung getragen und damit auch die Sorgen von Beschäftigtengruppen widergespiegelt. Doch das ist falsch, zeigt es im Zweifel nur das kopflose Wirken um das bisherige Geschehen. Der vermutete/unterstellte Verkauf fällt nicht nur mit einer Veräußerung von A nach B zusammen. Er findet in einem Umbruch der Gattung statt, in dessen Prozess sich der mögliche Erwerber selber befinden, mit Blick auf die künftigen Geschäftsideen und -prozesse. Man könnte bereits heute einige Prognosen geben, wie tief kommende Veränderungen sein werden, egal, was Erwerber sich überlegen oder wer welche Teile kauft.

Am Verhandlungstisch sitzen viele Personen, sein es Wirtschafts- und Steueranwälte, fürs Kartellrecht etc. Wirtschaftsprüfer sind im Boot. Die Unternehmenswert-Studie (Due Diligence) wirft ein klares Bild auf das aktuelle Geschäft, stellt es relativ nackt und real dar. Das übliche Kommunikations-Gebläse spielt hier keine Rolle, schließlich geht es um den Preis. Die möglichen Käufer machen sich im Vorfeld ihres Angebots einen Kopf, wo sie mit einem neuen Erwerb hin wollen, strategisch und wirtschaftlich. Mit der Einsicht in die Zahlen beginnt bei ihnen die konkrete Planung für die Zukunft. Alles wird sich genau angesehen und später noch einmal für die Zukunft durchgerechnet. Viele Dinge sind beim Kauf zu berücksichtigen, aber der Hauptprozess beim möglichen Erwerber ist das künftige Potential und die sich langsam herausbildende Erwartungshaltung. Wie erschließt man die Potentiale und wie hoch sind die zu erwartenden Effekte? Je professioneller das Unternehmen, desto strategischer wird geplant. Befindet sich der Erwerber selber in einer Strategiekrise oder hat ein schlechtes Controlling, dann entstehen mit dem Erwerb über einen Zeitraum x ernste Krisen.

Die Beschäftigten gehen ihrer Arbeit nach, leisten sie in hoher Loyalität und haben eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen, sonst würden die Abläufe so nicht funktionieren. Mit einem Verkaufsprozess beginnt sich die Unternehmensidentität aufzulösen. Zum einen, weil sie faktisch in Frage gestellt ist und weil sozialen Fragen der eigenen Zukunft brennglasartig, noch sehr anonym, gestellt werden. Der Prozess bleibt widersprüchlich zwischen der Erledigung der Alltags-Tätigkeiten und der Frage nach dem, was kommt. Die Loyalität bricht auf und ist nicht mehr das Schmiermittel für den Alltag. Je mehr man über den Verkaufsprozess erfährt, in Verbund mit dem Glaubwürdigsverlust des Führungspersonals, desto mehr Debatten kommen auf und der Bedarf, seine Haltung zu artikulieren, wächst. Man findet sich z. B. vor der Tür ein, greift das Angebot vom Betriebsrat oder Gewerkschaft auf. Dies ist die Bedingung, damit ein Prozess der Einflussnahme der Arbeitnehmer/innen auf den Verkaufsprozess beginnt. Er durchläuft noch einige Phasen und kann in Frustration enden. Ab dem Moment, wo das Gerede kommt: „Lieber ein Schrecken als dieses Gewürge“, verändert sich die Stellung der Arbeitnehmer. Sie sind auf dem Weg, eine reale Kraft zu werden. Auch das bleibt widersprüchlich, weil es alles Übergangsprozess ist (wird).

Der Platz der Einflussnahme von Arbeitnehmern liegt in der Einstellung auf das kommende. Die möglichen neuen Personen sind egal, es geht um den künftigen Change-Prozess, der sich mit einem neuen Erwerber vollziehen wird. Der hat längst sein Grundvorgehen und seine Geschäftsstrategie festgelegt. Dabei setzt er auf das bewährte Verhalten von Arbeitnehmern, sich anzupassen. Ein Erwerber wird seine Planungen (und Korrekturen) über einen Zeitraum x umsetzen. In diesem Bereich liegt die kommenden Einflussnahme der Beschäftigten. Das „Alte“ will einen noch binden, weil der Geschäftsbetrieb gewährleistet sein muss. Das „Alte“ will verhindern, dass sich Bewegungen und Eigeninitiative unter den Belegschaften herausbildet.

Bertolt Brecht schrieb einst:

Das Alte sagt

So wie ich bin

bin ich seit je./

Das Neue sagt:

Bist du nicht gut,

dann geh

Regina Nauersgerger

Ein Kommentar zu “Die „Krise“ beginnt

  1. Ich habe von Freunden und Familie gehört, dass seit Tagen bei uns die Zeitungskästen in GL nicht mehr aufgefüllt werden!!!!

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