Erinnert ihr euch noch an „Wir sind DuMont“? Respekt, Verantwortung …

kbr311029016Liebe Kolleginnen und Kollegen,

erinnert ihr Euch noch an die inständigen Bitten der Geschäftsführungen, wir mögen uns doch bitte mit unseren Selbstporträts an der Kampagne „Wir sind DuMont“ beteiligen? Die letzten dieser Aufforderungen kamen bereits zu einer Zeit, als das Unternehmen längst beschlossen hatte, Dutzende von uns auf die Straße zu setzen. Erinnert ihr euch noch an die schönen Unternehmensgrundsätze von DuMont: Transparenz, Ehrlichkeit, Verbindlichkeit? Wie tief ist dieser Konzern gesunken.

Die inhaltlichen und organisatorischen Planungen und Vorbereitung der vorgestellten Veränderungen erfolgte ohne die Betriebsräte in die Planungen einzubeziehen und mit ihnen zu beraten – wie durch das Betriebsverfassungsgesetz vorgeschrieben. Wie wollen unsere Zeitungstitel zukünftig sich glaubhaft für die Belange der Arbeitenden und Hilfebedürftigen in Berlin und Brandenburg einsetzen, wenn im eigenen Hause die Grundprinzipien der Mitbestimmung ignoriert und die Arbeitnehmervertretungen ausgegrenzt werden?

Lasst uns versuchen, die Verkündungen der vergangenen Woche zusammenzufassen. Nicht alles ist wirklich neu, vieles hatten wir bereits in den vergangenen Wochen geschildert. Der Vorstandsvorsitzende, Herr Dr. Bauer, hat sich darüber am Donnerstag sehr echauffiert. Warum eigentlich? Steht nicht im Foyer unseres Verlagsgebäudes der Satz von Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar“?

Beginnen wir mit den Verlagsabteilungen. In der IT sollen alle 16 Beschäftigten von DuMont Systems gekündigt werden. Bereits jetzt wird ihnen die Zuständigkeit für diverse Tätigkeiten entzogen. Arbeit gäbe es für sie genug, doch eine Weiterbeschäftigung lehnt der Konzern ab.

Das Callcenter DuMont Dialog wird verkauft an Walters Services – auch mit den 50 Beschäftigten in Berlin, wie der Konzern betont. Was fehlt, ist jede Aussage zur Zukunft dieser Arbeitsplätze. Walters Services hat keinen eigenen Standort in Berlin, die bisherige Betriebsstätte am Alexanderplatz ist bis Mitte 2017 zu räumen, der Geschäftsführer hat seinen Mitarbeitern bereits öffentlich geraten, sich eine andere Stelle zu suchen. Die Botschaft ist klar.

Für Vertrieb/Marketing (Berliner Lesermarkt) und für den Anzeigenverkauf (Berlin Medien) ist die Lage ähnlich bedrohlich. Die Geschäftsführungen haben erklärt, dass sie auf ein Zusammengehen mit den anderen Unternehmen auf dem Berliner Markt setzen und keinen Wert mehr auf Eigenständigkeit legen. Die Kartellrechtsänderung, die das ermöglichen soll, ist auf dem Weg. Die Mitarbeiter von Vertrieb/Marketing haben dann nicht einmal Anspruch auf einen Sozialplan mit Abfindungen.

Auch für den Anzeigenservice (DuMont Media Service) gibt es nur eine erste Verschnaufpause. Denn es kommt noch das neue Anzeigen- und Vertriebssystem VI&VA. Dafür braucht man die Kolleginnen und Kollegen bis nächstes Jahr. Was danach kommt, steht in den Sternen. Und die Kolleginnen und Kollegen vom Berliner Abendblatt: Sie könnten im
Rahmen einer Kooperation mit Berlin Medien und Konkurrenzverlagen ebenfalls noch 2017 bedroht sein. Niemand hat die Absicht… haben wir nur zu oft schon gehört.

Die Redaktionen von Berliner Kurier und Berliner Zeitung/ReGe2 werden komplett abgewickelt. Wer seine Arbeit weiter ausüben will, soll sich um seine eigene Stelle neu bewerben. „Newsroom GmbH“ wird die neue Firma heißen, nur noch 110 Mitarbeiter haben und ihren Sitz – na, wo wohl? Genau: in Köln. So viel zum DuMont-Sermon von der „Stärkung der regionalen Medienhäuser“.
Mindestens 50 Kolleginnen und Kollegen sollen am Ende ohne Job dastehen – vermutlich sogar noch weit mehr. Denn nach Informationen des Konzernbetriebsrates wird außerhalb unserer Redaktionen schon eifrig um künftige Mitarbeiter geworben. Eine Zusicherung, dass wenigstens bei gleicher Qualifikation bisherige Mitarbeiter bevorzugt eingestellt werden, wollen die neuen Verantwortlichen nicht geben. So viel zu den Worten des Vorstandsvorsitzenden, DuMont sei sich seiner sozialen Verantwortung bewusst.

Und was bringt das alles? Zunächst einmal hohe Kosten. Allein die fälligen Abfindungen, die Gehälter für Arbeitsstunden, die vom Unternehmen gar nicht mehr in Anspruch genommen werden, etc. summieren sich auf – vorsichtig geschätzt – 10 Millionen Euro. Ihr erinnert euch: Das ist die dreimal so viel wie das, was die Verlagsgruppe nach eigenen Angaben 2015 an Verlust einfuhr.
Am Markt verbessert sich noch auf lange Zeit gar nichts, eher im Gegenteil. Am kontinuierlichen Rückgang der Anzeigenerlöse ändert sich nichts, nur weil weniger Menschen mehr Inhalte für Zeitung und Online-Auftritte produzieren sollen. Die Auflage droht noch schneller zu sinken, wenn die neue Redaktion mit einem Drittel weniger Köpfen den bisherigen Standard nicht zu halten vermag. Es wächst der Druck für die verbleibenden oder neu hinzukommenden Kolleginnen und Kollegen. Für die Entwicklung neuer Ideen fehlen die Kapazitäten.

Was also tun? Die Betriebsräte werden sich am Dienstag dieser Woche zusammensetzen, um alle bisher vorliegenden Informationen zusammenzutragen und auszuwerten. Wir werden uns mit den Gewerkschaften und mit unserem Anwalt beraten, und wir werden uns abstimmen. Eine Vereinzelung, ein Gegeneinander-Ausspielen einzelner Bereiche darf und wird es nicht geben.
Am Mittwochabend werden die Gewerkschaften ihre Mitglieder und alle, die es jetzt werden wollen, einladen und entscheiden, ob sie Tarifforderungen aufstellen. Anders als die Betriebsräte, die über Sozialpläne nur mit den Geschäftsführungen reden können, dürfen die Gewerkschaften für Sozialtarifverträge bekanntlich auch zum Streik aufrufen.

Im IT-Bereich beginnen demnächst die Konsultationen zwischen der Geschäftsführung und dem Betriebsrat über die geplante Abwicklung des Betriebes, und gleiches gilt für die Tageszeitungsredaktionen. Dort wird es allerdings nicht nur um die Schließung der bisherigen Betriebe gehen, sondern das Unternehmen wird auch sehr genau erklären müssen, wie es sich die Strukturen und die Arbeitsabläufe im neuen Haus vorstellt. Den Nachweis, dass es sich beim Übergang in die Newsroom GmbH nicht um einen Betriebsübergang handelt (mit allen Konsequenzen, die daran hängen), hat die Geschäftsführung noch nicht erbracht. Wie diese Gespräche auch immer ausgehen mögen: Wir werden auf Garantien für die Kolleginnen und Kollegen, die ins neue Haus überwechseln, bestehen.

Aus den (Teil-)Betriebsversammlungen der vergangenen Tage wissen wir, wie viele Sachfragen momentan durch die Köpfe schwirren: Was ist mit unserer Altersversorgung? Welches Gehalt steht den Redakteuren zu, die im neuen Haus anfangen? Wie lang sind die Kündigungsfristen? Wie genau funktioniert eine Transfergesellschaft? Wir werden uns bemühen, alle Fragen schnell zu beantworten, die wir selbst beantworten können, und zu allen anderen Fragen Fachleute ins Haus zu holen. Für die, die gehen müssen, genauso wie für die, die bleiben. Die tatsächlichen Konfliktlinien verlaufen nicht zwischen uns, sondern ganz woanders.
Wir halten Euch weiter auf dem Laufenden.

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