Neustart Berlin – um was geht es DuMont?

neustartAm 19. Mai 2016 informierte die DuMont Mediengruppe über ihr neues Herangehen am Berliner Standort und redete von einem „Neustart in Berlin“. Im kresspro-Interview vom 14. September 2016 sprach DuMont-Vorstandschef, Dr. Christoph Bauer, davon, dass die Schließung in Berlin auch eine Option gewesen sei. Was also ist mit „Neustart Berlin“ gemeint? Was ist der Unterschied zu den bisherigen beiden Sanierungswellen, die (2009/2010 und 2012/2013) nicht zu den versprochenen schwarzen Zahlen geführt haben?

Die Eckpunkte des „Neustarts in Berlin“

Die redaktionellen Prozesse sollen neu strukturiert werden. Was auch immer im einzelnen präsentiert wird, es dürfte eine klare Trennung zwischen der Produktion für die verschiedenen Kanälen und den Inhalten angekündigt werden. Die Kanäle werden die bisherigen bleiben: Online, Berliner Zeitung und Berliner Kurier. Die Produktionsarbeit der Redakteure wird man konzentrieren. Der neue Newsroom, der dafür nötig ist, wird zur Produktionszentrale, vor allem der beiden Printkanäle, werden. Der Prozess der neuen redaktionellen Organisation wird vermutlich kein lokaler sein, sondern wie in den anderen Bereichen eine gruppenweite Treiberschaft haben.

Durch die gehandelte Kooperation von Berliner Morgenpost, Berliner Verlag und Tagesspiegel in Teilen des Verlagsbereich kann man bisherige Kosten durch drei teilen, wie es bereits heute bei der Abo-Zustellung der Fall ist. Auch mit einem geänderten Kartellrecht/GWB werden die Kooperationsüberlegungen nicht in den Himmel wachsen. Das Bundeskartellamt behält seine bisherige Funktion und wird sich nicht durch Zahlentricks an der Nase rumführen lassen. Eine umfassende Verlagszusammenarbeit  wird es aktuell eher nicht geben, aber Bereiche zeichnen sich ab. Auch wurde jüngst das Ziel der Kooperation durch DuMont noch einmal erklärt. Es geht DuMont um die Konsolidierung am Berliner Standort. Man sei in der Lage, eigenständig wirtschaftlich zu werden, aber nicht langfristig, so Dr. Bauer im Interview mit kress. Insofern wird die mögliche Kooperation eher als Erfahrungsprojekt von Wettbewerbern zu verstehen sein, um die Haltung des Kartellamtes zu ermitteln und eben die der drei Verlage. Es geht aber auch um eine neue Arbeitsteilung unter den großen regionalen Zeitungsgruppen.

Die Ablaufprozesse in Berlin werden mit dem Umzug neuorganisiert, ob nun die in der Redaktion, in der IT oder im Anzeigen- und Verlagsbereich der Mediengruppe Berliner Verlag. DuMont will in ein neues gruppenweites Anzeigen- und Vertriebsprogramm investieren, auch hier werden weitere Optimierungspotenziale anfallen. Man will weiter die Möglichkeiten des zentralen Verlagsservice von DuMont in Halle nutzen. In Kombination von Umzug, Kooperation und zentralen Verlagsservice werden die größten Potenziale mittel- bis langfristig erreicht werden können.

Die Aufwendungen der drei regionalen Abo-Verlage in Berlin für die gemeinsame Zustelltochter BZV stellen eine Belastung für sie dar. Ohne ihre finanzielle Deckung wäre die Abo-Zustellung in der bisherigen Form erledigt. Bisher musste DuMont Millionen für die Verluste der Zustellgesellschaft zahlen. Deren prekäre Lage dürfte sich in Zukunft eher nicht ändern, wenn es bei der jetzigen Geschäftsidee bleibt. Möglichkeiten der Erweiterung des Geschäftsfeld dieser Gesellschaft sind außerhalb der Zustellung der Zeitungen bisher sehr gering gewesen oder beendet worden. Nur durch eine neues Geschäft wird sich deren Lage verändern. Da ein strategischer Partner nach Darstellung des Unternehmens gewonnen wurde, kann es nur ein Logistikunternehmen sein oder ein weiterer Zeitungsverlag.

Umsatzmäßig kann man eher weniger damit rechnen, dass es einen Aufschwung im Anzeigenmarkt gibt, auch wenn Score Media eine Chance darstellt, dass der überregionale Anzeigen-Umsatz weniger als in der Vergangenheit sinkt. Die neue Vermarktung im überregionalen Bereich der Boulevard-Titel über ein Tochterunternehmen von Axel Springer kann sich ebenfalls positiv  in dem Sinne auswirken. Der Vertriebsumsatz stagniert, vom Berliner Kurier ist er rückläufig. Wenn sich die Preispolitik des Berliner Verlages nicht ändert, wird hier wenig passieren. Durch das Hauptverbreitungsgebiet Ost-Berlin sind die Möglichkeiten nach Meinung der  Verantwortlichen wohl eher begrenzt. Es dürfte früher oder später zu einer Neuorganisation der regionalen Anzeigenvermarktung kommen. Aus dem bisher gesagten von DuMont kann man davon ausgehen, dass man sich noch einmal an die Pay Wall macht und eine weitere ePaper Offensive starten will. Neue Digital-Produkte, trotz der vollmundigen Erklärungen zu ihrem Wachstum vom 19. Mai 2016, werden nicht in Berlin erstellt, sondern durch eine entsprechende Abteilung von DuMont in Köln. Die hat erst kürzlich erklärt, dass sie sich nicht an den Fachbereichen, also Anzeigen- und Vertrieb, ausrichtet, sondern wie ein Start-up versteht. Insofern wird es hier eher keine Produkt-Offensive geben, die Umsatz ins Unternehmen spült. Die Bauchlandung von DuMont bezüglich Joiz in Berlin, – was nicht an DuMont liegt – kann man aktuell nur fassungslos verfolgen. Die Joiz-Beteiligung war ein Fehler, weil man keine wirkliche Digital-Strategie verfolgte, sie war beliebig und lies eben alles begründen.  Von der Video-Mitnahme für die eigenen Online-Auftritte bis hin zu den Registrierungs-Erfahrungen auf joiz.de. Vermutlich war DuMont nur Geldgeber und hat für den damaligen Einstieg wenig bezahlt, wenn man den Preis für die  Joiz-Übernahme von Uwe Fabich sich ansieht.

Der Unterschied zu den Sanierungsprogrammen im Berliner Verlag 2009/2010 und 2012/2013

Kernproblem des Berliner Verlages dürfte wirtschaftlich die Berliner Zeitung und das Berliner Abendblatt sein. Sie waren auch Inhalt der beiden großen Sanierungswellen unter dem Geschäftsführer Oliver Rohloff (2009/2010) und unter Stefan Hilscher (2012/2013): Reduzierung der Redaktionskosten und Optimierung der Abläufe am Standort. 2016/2017 setzt man auf weitere Potenziale durch den geschaffenen Verlagsservices von DuMont und eben die Effekte durch eine Kooperation der Berliner Zeitungen, auch wenn 2009 bereits die ersten Synergien mit der FR in Berlin gestartet wurden. Es kam zur DuMont Redaktionsgemeinschaft, es folgte später die Seitenproduktion aller überregionalen Teile der FR in Berlin. Die Probleme der Zustellgesellschaft wurden offenbar in der Vergangenheit nicht gelöst, also auch geschaffen. Hier will man einen neuen Wurf machen.

In der redaktionellen Aufstellung will man die digitale Transformation, die DuMont im Herbst 2014 zu ihrem Kernprogramm erklärt hatte, am Berliner Standort umsetzen. Es bedeutet aber erst einmal nur eine Absichtserklärung und 2017 eine geänderte Arbeitsorganisation und -fluss sowie die Hoffnung auf neue Online-Umsätze. Das Gewürge um die Redaktionsgemeinschaft der Boulevard-Titel von DuMont verweist auf eine Debatte, wie man weiter zentralisiert bzw. mit wem. Die umständlichen Erklärungen („Man wisse nicht, was in Köln geplant wird“) zur künftigen Inhalteerstellung der Berliner Zeitung gehen in die gleiche Richtung. Die Treiberschaft ist aber nicht die Organisation vor Ort in Berlin, sondern das Potenzial in der Gruppe.

 

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