Berliner Zeitungszusteller: Verlage geben Druck an uns weiter

In der aktuellen Ausgabe von Druck+Papier 4/2016, einem Fachmagazin von ver.di, wird über die Arbeitsbedingungen eines Zusteller der BZV Zustellgesellschaft geschrieben. Wie z.B. beim Lohn getrickst wird, durch Kürzung von Zuschlägen. DuMont, Funke und der Tagesspiegel sind zu gleichen Teilen Gesellschafter der BZV. Ein weiterer soll kommen, Namen werden schon gehandelt. Ohne die finanzielle Unterstützung der drei Verlage wäre die  Zustellgesellschaft platt. Erst kürzlich sprach der DuMont-Vorstandschef, Dr. Christoph Bauer, davon wie wichtig das Vertriebsengagement der drei Abo-Verlage ist. Sie sind auf sich angewiesen.

Morgens, viertel nach fünf vor einer Berliner Mietshaus. Dutzende Briefkästen reihen sich aneinander. Die Augen von Björn Kaczmarek* huschen von links nach rechts und wieder zurück. Seit vielen Jahren arbeitet der 38-Jährige als Zeitungszusteller. Er hat Routine. Doch heute ist »Katalogtag«. Schon wieder findet er einen Namen nicht. »Kann doch nicht wahr sein«, murmelt er vor sich hin. Nochmal von vorn. Vielleicht gibt es die Adresse auf dem Etikett der TV Today ja doch. Womöglich bei den Briefkästen im anderen Eingang. Fehlanzeige. Ein Etikett auf die Zeitschrift, »Empfänger unbekannt« angekreuzt und zurück in den blauen Zustellwagen. Jetzt aber schnell weiter, er ist schon spät dran. Schon das Vorsortieren der adressierten Zeitschriften – an seinem Ablagepunkt in einem Hausflur – hat einiges an Zeit gefressen. Spätestens um sechs Uhr müssen alle Zeitungen und Zeitschriften im richtigen Briefkasten liegen.Björn arbeitet für eine der Agenturen, die im Auftrag der Berliner Zustell- und Vertriebsgesellschaft (BZV) Tageszeitungen austrägt. Zusätzlich zu Tagesspiegel, Morgenpost und Co. müssen er und seine Kolleg/innen zur Zeit zwei Mal in der Woche adressierte Abozeitschriften zustellen. Seit der Umstellung von Stück- auf Stundenlohn gibt es dafür kein Extra-Geld. Das Stecken der Magazine sei Teil der für die Touren veranschlagten Arbeitszeit, heißt es. Doch für die Zusteller bedeutet das wesentlich mehr Aufwand und Stress. Während sie bei Tageszeitungen irgendeine der richtigen Sorte aus dem Stapel ziehen können, sind die einzelnen Journale für eine konkrete Adresse bestimmt. Das erfordert einen ganz anderen Aufwand, schon beim Vorsortieren.

Arbeitsbedingungen leiden

»Die Infrastruktur der Zeitungs-Zustellagenturen ist für sowas eigentlich gar nicht ausgelegt«, sagt Björn. Viele Zeitungsboten müssten die Ware in irgendwelchen Hauseingängen sortieren. Die Wagen seien nicht für adressierte Post konzipiert. Und bei Zeitschriften, die nur sporadisch zugestellt werden, müsse man häufig neu nach den richtigen Briefkästen suchen. »Noch schlimmer sind Kataloge und andere adressierte Werbung, da sind die Adressen ganz oft falsch«, berichtet Björn. In Berlin werden diese von den BZV-Agenturen derzeit nicht ausgeliefert. Wegen des Mindestlohns. Denn würden die Unternehmen auch reine Werbeprospekte und Kataloge zustellen, müssten sie ihren Beschäftigten den vollen Mindestlohn von aktuell 8,50 Euro pro Stunde bezahlen. »Bei uns befürchten viele, dass wir demnächst auch wieder diese ganzen Werbekataloge austragen müssen – spätestens bei Auslaufen der Sonderregelung für Zusteller.«

Denn die Zustellgesellschaften werden von ihren Eigentümern, den Verlagen, finanziell meist an der kurzen Leine gehalten. Sinkende Auflagen machen ihnen zu schaffen, da die Wege weiter werden, die Verteilung des Einzelexemplars aufwändiger. Anders als früher beim Stücklohn kann der Mehraufwand nicht mehr vollständig auf die Beschäftigten abgewälzt werden. Die Unternehmen reagieren darauf mit dem Versuch, neue Geschäftsfelder zu erschließen – wie die Verteilung von Zeitschriften und Werbeprospekten. Mit der Folge, dass die Arbeitsbedingungen der Zusteller noch härter werden.

Zuschläge gekürzt

Zugleich tricksen viele Firmen beim Mindestlohn. Björn zeigt einen Zettel. »Änderungsvereinbarung zum Arbeitsvertrag« steht oben drauf. Unter »Punkt 1. Grundvergütung« ist zu sehen, wie sich der Brutto-Stundenlohn entwickeln wird: Von 6,38 Euro 2015 auf 7,23 Euro in diesem und 8,50 Euro im nächsten Jahr. So weit, so korrekt. Doch daneben steht, wie sich die abzugsfreien Nacht- und Sonntagszuschläge verändern: Statt wie noch im vergangenen Jahr 50 und jetzt 35 Prozent gibt es sonntags ab 2017 nur noch 20 Prozent. Nachts sinkt der Zuschlag von 25 auf 15 Prozent. Die Folge: Obwohl der Zusteller-Mindestlohn nach und nach auf die allgemeine Lohnuntergrenze angehoben wird, haben die Boten am Ende kaum mehr im Portemonnaie.

Das Grundproblem ist, dass es in den wenigsten Zustellgesellschaften Tarifverträge gibt. So auch in Berlin. Betriebsräte sind ebenfalls die Ausnahme. Deshalb muss jeder Zeitungsbote seine Bedingungen individuell aushandeln. »Das Ende vom Lied ist, dass die Leute solche Verträge unterschreiben und auch nicht anfechten, obwohl erst im letzten Jahr das Bundesarbeitsgericht einen Anspruch von mindestens 25 Prozent (für Dauernachtarbeit sogar 30 Prozent) festgelegt hatte.«, meint Björn. Ändern werde sich das nur, wenn sich genügend Kolleginnen und Kollegen gewerkschaftlich organisieren. »Sonst wird der finanzielle Druck der Verlage immer an die Zusteller weitergereicht, weil sie das schwächste Glied in der Kette sind.«

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