Abo-Zusammenarbeit in Berlin: Die Katze ist aus dem Sack

brinfo130715Der Betriebsrat des Berliner Verlages beschäftigt sich in einer Info mit einer möglichen Vertriebskooperation von Berliner Morgenpost, Tagesspiegel und Berliner Verlag. „Holtzbrinck, Funke-Gruppe und DuMont wollen für ihre Berliner Abo-Zeitungen Morgenpost, Tagesspiegel und Berliner Zeitung eine gemeinsame Abo-Vermarktung aufbauen und sind darüber bereits beim Kartellamt vorstellig geworden. Das berichteten in der vergangenen Woche verschiedene Fachmedien. „Fusion, die zweite“, schreibt Uwe Vorkötter, der bis vor kurzem zunächst als Chefredakteur und dann als Berater in den Diensten von DuMont stand. Einer, der es wissen sollte. In der Berliner Morgenpost ist der Bericht nach Informationen der Betriebsräte im Wesentlichen bestätigt worden. Auf eine Auskunft aus dem Berliner Verlag bzw. der DuMont Mediengruppe warten wir bisher vergeblich.

Gemeinsame Abo-Vermarktung geplant

Den vorliegenden Berichten zufolge wollen die drei Verlage der gemeinsamen Tochterfirma BZV nach der Zeitungs-Zustellung auch die Abo-Vermarktung übertragen. Durch eine gemeinsame Vermarktung der drei Zeitungen erhofft man sich offenbar eine größere Reichweite und damit auch eine Verbesserung der Gesamtlage bei den Anzeigenumsätzen.

Es ist nicht der erste Anlauf für eine enge Kooperation der Zeitungsverlage in Berlin, und es wird sicher auch nicht der letzte sein. Sollte das Kartellamt zustimmen (was keineswegs sicher ist), lösen die Verlage damit zwar noch nicht ihr generelles Umsatzproblem. Sie reduzieren aber ihre Kosten, indem sie Abteilungen zusammenlegen. Dass das für die Unternehmen insgesamt attraktiv wäre, liegt auf der Hand.

Mehr als 60 Stellen bedroht

Für mehr als 60 Kollegen in den betroffenen Bereichen aber bedeutet es, dass ihre Stellen akut bedroht sind. Im Februar erst wurde die Vertriebs- und Marketingabteilung aus dem Berliner Verlag hinausexpediert. Der ausgelagerte Betrieb nennt sich nun BVZ Berliner Lesermarkt GmbH. 16 Kollegen arbeiten dort. Sie haben übrigens im Februar auf Anraten des Betriebsrates der Geschäftsführung schriftlich mitgeteilt, dass sie sich einen nachträglichen Widerspruch vorbehalten, sollten sich erst im Nachhinein die wahren Gründe für den Betriebsübergang herausstellen. Sollte es zu Kündigungen kommen, gibt ihnen das immerhin Chancen auf eine anständige Abfindung durch den Berliner Verlag. Von der Lesermarkt GmbH hätten sie dagegen kaum etwas zu erwarten. Wann der wahre Grund für die Abspaltung der Berliner Kurier GmbH ans Tageslicht kommt, wissen wir noch nicht.

Massiv gefährdet sind auch rund 50 Kollegen des Call-Centers, die bis Januar noch zur Berliner Dialog GmbH gehörten, dann aber bei DuMont Dialog in Berlin angedockt wurden. Zu ihrer Arbeit gehört es, die Leser von Berliner Zeitung, Berliner Kurier und Aufs Land zu betreuen. Auch ihre Aufgaben könnten an eine gemeinsame Holtzbrinck-Funke-DuMont-Firma ausgelagert werden.

Und die Redaktionen?

Die Redaktionen sind, wenn man Uwe Vorkötter glauben darf, von den Synergie-Plänen nicht betroffen. Trotzdem sehen wir aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre heraus bei diesem Zentralisierungs- und Kooperationsprozess die Gefahr der weiteren “Ökonomisierung” der redaktionellen Abläufe.

Die Redaktionen von Berliner Zeitung und Berliner Kurier, ihre Verlässlichkeit, ihre Leistungen für die Leser, schaffen die Voraussetzungen dafür, dass überhaupt Einnahmen entstehen: durch den Verkauf von Zeitungen, von Print- und von Online-Anzeigen. Die Auslagerung oder sogar Fremdvergabe des Anzeigen- und Vertriebsgeschäfts aber führt dazu, dass die Redaktion plötzlich wie ein Kostenverursacher dasteht. Was passiert, wenn sich die Redaktionen gegen Etatkürzungen wehren, hat soeben Hans-Peter Buschheuer erlebt. Er wurde als Kurier-Chefredakteur gekündigt. Sollte der Vertrieb und irgendwann vielleicht auch der Anzeigenbereich nicht einmal mehr zum DuMont-Medienhaus Berlin gehören, würde es noch viel schwerer, für die Redaktionen die Etats durchzusetzen, die die Zeitungen zum Überleben brauchen.

Versprechen muss man halten

Dass die Unternehmensleitung der Mediengruppe „Berliner Verlag“ zu all dem seit Donnerstag schweigt, ist kein guter Stil. Wären die Berichte frei erfunden, hätte man sie längst dementiert. Das ist aber nicht geschehen. Gibt es die Pläne also tatsächlich, und sind sie einmal an der Öffentlichkeit, dann gehört es sich auch, mit den Beschäftigten und ihren gewählten Vertretern zu reden.

Natürlich haben die Herren aus der Geschäftsführung ein Problem: Je mehr man vorab verrät, desto schwieriger sind die Gespräche, und obendrein riskiert man, dass sich Widerstand formiert. Aber die Katze ist nun einmal aus dem Sack, und sie kriecht auch nicht wieder hinein.

Herr Dr. Bauer als Vorstandsvorsitzender hat erst am 28. Mai, als er auch über die Weiterentwicklung des Berliner Standorts sprach, die Transparenz im Vorgehen des Unternehmens betont. Es ist höchste Zeit, dass Herr Braun und Herr Hilscher für ihren Teil dieses Versprechen einlösen.“

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