Es drohen lauter kleine Profitcenter

genschInterview mit der Betriebsratsvorsitzenden des Berliner Verlages, Renate Gensch, zur Zerstückelung des Verlages in Sprachrohr, Mitgliedermagazin von ver.di in Berlin/Brandenburg über die geplanten Umstrukturierungen in der Mediengruppe M. DuMont Schauberg.

Ihr Betriebsräte bei M. DuMont Schauberg seid gut vernetzt, aber bislang stochern alle ziemlich im Nebel?
enate Gensch: Wir haben über den Konzernbetriebsrat als Betriebsräte der Zeitungsholding und des Berliner Verlages klare Anfragen gestellt. Wir wollen Zahlen, Fakten, Auskünfte. Dazu ist das Unternehmen in der Planungsphase verpflichtet, damit die Betriebsräte noch Vorschläge machen können. Offizielle Unterrichtungen sollte es überall erst am 28. Oktober geben, einen Monat nach Verkündung des Sparprogramms. Wir fürchten, dass alles intransparent ablaufen und die Betriebsräte und Beschäftigten möglichst wenig beteiligt werden sollen.

Welche Risiken lassen sich konkret benennen?

Es sieht so aus, als werde alles gesellschaftsrechtlich neu geordnet und in hunderte kleine Teile, lauter gegeneinander ausspielbare »Profitcenter «, umfirmiert. Dadurch wird Tarifbindung weiter ausgehebelt – unsere bisherige Abteilung Vertrieb/ Marketing soll auch in eine tariflose Gesellschaft ausgelagert werden – und Mitbestimmungsrechte werden geschwächt. Freigestellte Betriebsräte dürfte es kaum mehr geben. Ungeklärt ist: Plant man Betriebsübergänge nach § 613a, gibt es bei uns hier künftig einen Gemeinschaftsbetrieb? Wahrscheinlich folgt weiterer Personalabbau erst später – wir rechnen mit 2015 und 2016, auch durch »neue Synergien« bei den Umstrukturierungen. Zunächst sollen die Redaktionen verschont bleiben, aber das ist nur eine Beruhigungspille für eine Zeit X.

Du bist skeptisch?

Noch werden die Redaktionen als »Contentlieferanten« ja gebraucht. Wir hören aber aus Köln, dass dort künftig sechs Redakteurinnen und Redakteure mit wenigen Producern und einem Layouter die gesamte tägliche Printausgabe machen sollen; die Redaktion soll in Schichten von 6 bis 24 Uhr besetzt werden. Zusätzliches Personal wird es nicht geben. Andere Kanäle – online, mobile, Video – sollen redaktionell mit bestückt werden. Geschult werden aber wohl erst einmal nur ausgewählte Leute. Andererseits, heißt es, stünde alles auf dem Prüfstand. Man munkelt sogar, dass es bald nur noch die Wochenendzeitungen gedruckt geben könnte. Ich mache mir jedenfalls Sorgen um die Gesundheit und Belastbarkeit unserer Kolleginnen und Kollegen.

Und die »digitale Transformation «?

Wir drängen seit über 12 Jahren, dass die Online-Auftritte unserer Blätter verbessert werden müssen. Digitale Konzepte sind nötig. Doch wenn dabei nur in technische Systeme investiert wird und sich die Arbeitsbedingungen weiter verschlechtern, Journalisten zwar keine Zeit zum Recherchieren mehr haben, aber lernen sollen, sich als Videofilmproduzenten mit Werbebotschaften zu betätigen, dann wehren wir uns.

Was könnt ihr als Interessenvertreter akut tun?

Wir drängen auf Information und sind gut vernetzt. Natürlich reden wir mit unseren Belegschaften. In Hamburg wurde bereits eine Haustarifkommission gebildet. Bei uns im Haus wird gerade ein neuer Redaktionsausschuss gewählt. Wir sprechen auch mit den Gewerkschaften. Unser Ziel ist es, vorausschauend zu agieren. Denn wenn die neuen Gesellschaften gegruündet sind und dann gekündigt wird, gäbe es mehrere Jahre nicht mal Anrecht auf einen Sozialplan, und die Beschäftigten würden bei Abfindungen in die Röhre gucken.

Fragen: Helma Nehrlich

Advertisements

Ein Kommentar zu “Es drohen lauter kleine Profitcenter

  1. Es ist traurig mit anzusehen , was in der Zukunft mit dem Verlag geschieht.Es wurden in der Vergangenheit falsche Entscheidungen getroffen, wie z.b. der Kauf der Frankfurter Rundschau , die uns finanziell in Turbulenzen brachte.Am Ende muss der kleine Mann im Verlag dafür bezahlen,dass der Vorstand und Aufsichtsrat so verantwortungslos gehandelt hat.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s